Was entsteht, wenn aus Alltagsgegenständen ein Prophet wird?
Auf dem Grabbeplatz, direkt vor der Kunsthalle, erhebt sich eine über dreieinhalb Meter hohe Bronzefigur: Max Ernsts „Habakuk“. Doch was auf den ersten Blick monumental und geheimnisvoll wirkt, beginnt in Wahrheit ganz unscheinbar – mit Blumentöpfen, Schalen und Kieselsteinen. Aus diesen Fundstücken formte Ernst zunächst eine Collage, die später über Gips und Bronze zu jener Skulptur wurde, die heute den Platz prägt. Seine Technik verschleiert bewusst die Herkunft der Materialien. Was banal war, wird fremd. Was vertraut scheint, wird rätselhaft.
Hier beginnt der eigentliche Konflikt: Der Betrachter sucht nach Bedeutung, nach Wiedererkennbarkeit – doch Ernst entzieht ihm diese Sicherheit. Die Oberfläche schweigt über ihre Ursprünge. Stattdessen eröffnet sich eine andere Ebene: die Welt des Surrealen.
Denn „Habakuk“ ist nicht einfach eine Figur aus dem Alten Testament. In Ernsts Deutung verwandelt sich der Prophet in ein Mischwesen, halb Mensch, halb Vogel. Diese Verschmelzung ist kein Zufall. Der Vogel – in Gestalt des Fabelwesens „Loplop“ – war Ernsts persönliches Alter Ego, ein Symbol für Freiheit, Fantasie und Selbsterschaffung. Indem er Habakuk mit diesem Motiv verbindet, schreibt er sich selbst in die Figur ein. Kunst wird hier zu einer Form der Selbstverwandlung.
Der Höhepunkt dieser Erzählung liegt genau in dieser Irritation: Eine Skulptur, die sich jeder eindeutigen Deutung entzieht, zwingt den Betrachter, eigene Bilder zu entwickeln. Was sehe ich? Einen Propheten? Einen Vogel? Oder die Spur eines Künstlers, der sich hinter seinem Werk verbirgt?
Am Ende bleibt nicht die Auflösung, sondern eine neue Wahrnehmung. Max Ernst, einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, zeigt mit „Habakuk“, dass Kunst nicht erklären muss – sie darf verwandeln. Seine Verbindung zu Düsseldorf, seine frühen Begegnungen mit der Avantgarde im Umfeld von Mutter Ey, all das fließt in dieses Werk ein. Und so steht die Skulptur nicht nur im Raum, sondern auch in einer Geschichte: der eines Künstlers, der aus dem Gewöhnlichen das Unbegreifliche erschuf.

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