Was wie ein spielerischer Moment wirkt, ist in Wahrheit ein Stück lebendige Stadtgeschichte: Der Radschlägerbrunnen erzählt von Stolz, Tradition – und einem kleinen, fast vergessenen Konflikt.
Ein Brunnen entsteht – aus Wettbewerb und Vision
Im Jahr 1953 suchte der Heimatverein Düsseldorfer Jonges nach einer künstlerischen Darstellung einer ihrer ältesten Traditionen: dem Radschlagen. Doch es ging nicht um ein einzelnes Kind – es sollte eine Gruppe sein, ein Ausdruck von Gemeinschaft.
Der Bildhauer Alfred Zschorsch gewann den Wettbewerb. Ein Jahr später, 1954, wurde der Brunnen feierlich übergeben – pünktlich zum großen Schützenfest. Seine Skulptur zeigt zwei Jungen, eingefroren in unterschiedlichen Momenten des Radschlagens: Bewegung, Leichtigkeit und jugendliche Energie in Bronze gegossen.
Einer der Jungen hat sogar ein reales Vorbild: ein in der Altstadt bekannter Radschläger, genannt „Rode Honk“. So verbindet sich Kunst mit echtem Leben.
Tradition, die weiterlebt
Früher war das Radschlagen nicht nur Spiel, sondern auch kleine Einnahmequelle. Die Kinder baten nach ihrer Vorführung um „eene Penning“ – eine Münze für ihre Kunst.
Bis heute ist das Radschlagen ein Symbol Düsseldorfs. Es steht für Lebensfreude, Eigenwilligkeit und lokale Identität – sichtbar nicht nur am Brunnen, sondern im gesamten Stadtbild.
Die Inschrift am Brunnen bringt diese Haltung auf den Punkt:
„Radschläger wolle mer blieve, wie jeck et de Minschen och drieve.“
Ein Satz im Düsseldorfer Dialekt, der so viel bedeutet wie:
Wir bleiben Radschläger – egal, wie verrückt die Welt sich auch dreht.
Der kleine Skandal um ein großes „n“
Doch selbst dieser scheinbar harmonische Brunnen war nicht frei von Konflikten.
Zur Einweihung stellte sich heraus: Die Inschrift war falsch.
Statt „Minsche“ (Menschen im Dialekt) stand dort „Minschen“.
Für den Dichter Hans Müller-Schlösser war das keine Kleinigkeit – sondern eine „Missbildung“. Er drohte, der Einweihung fernzubleiben. Die Lösung? Schnell und pragmatisch: Das überflüssige „n“ wurde einfach mit Zement entfernt.
Doch die Geschichte nahm eine ironische Wendung:
Jahre später tauchte das „n“ wieder auf – als hätte sich die Sprache selbst zurückgemeldet.
Ein Ort, der mehr ist als nur ein Brunnen
Der Brunnen steht auf dem Burgplatz, der in den 1950er Jahren neu gestaltet wurde. Einheitliche Pflasterung und Platanen verliehen dem Ort erstmals ein harmonisches Gesamtbild.
Auch technisch war der Bau eine Herausforderung:
Ein gewaltiger Block aus Muschelkalk – ursprünglich 25 Tonnen schwer – wurde auf etwa 13 Tonnen reduziert. Die Bronzefiguren entstanden in der Kunstgießerei Herbert Schmäke, die viele Düsseldorfer Kunstwerke prägte.
Schluss: Bewegung, die bleibt
Der Radschlägerbrunnen ist mehr als ein Denkmal. Er ist eine Momentaufnahme von Bewegung – und gleichzeitig ein Symbol für Beständigkeit.
Kinder, die sich drehen.
Sprache, die sich verändert.
Eine Stadt, die sich erinnert.
Und irgendwo zwischen Bronze, Stein und Dialekt bleibt die Botschaft bestehen:
Man kann sich drehen, wie man will – manche Traditionen bleiben.









